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AI Security

Die neue Gefahr der AI Supply Chain: sechs Einfallstore

NW Nils Weiser •11 OCT 2026 •—

Am 24. März 2026 lagen zwei Versionen von LiteLLM auf PyPI, die Zugangsdaten stahlen. Rund 40 Minuten lang. LiteLLM ist kein Modell und kein Prompt, sondern die Bibliothek, über die viele Anwendungen ihre Modelle ansprechen. Genau das ist die AI Supply Chain: alles, was zwischen einer fremden Quelle und deiner Anwendung liegt.

Klassische Supply-Chain-Angriffe treffen Code, den du nicht geschrieben hast. Bei KI kommt mehr dazu: Bestandteile, die niemand lesen kann, Bestandteile, die sich ohne Release ändern, und Bestandteile, die selbst handeln. Dieser Post ist der Überblick: sechs Einfallstore, je ein belegter Vorfall, und was du zuerst tun solltest. Den Deep Dive zu Modelldateien gibt es in Open-Source-Modelle und ihre Gefahren.

Was zur AI Supply Chain gehört

Zur Lieferkette gehört alles, was du nicht selbst gebaut hast und was trotzdem bestimmt, was deine Anwendung tut. Bei einem KI-System sind das sechs Bausteine:

QUELLEN DEINE ANWENDUNG 1 ! DATEN vergiftete Daten 2 ! MODELLE Code in der Datei 3 ! PAKETE untergeschobene Pakete 4 ! INFRASTRUKTUR gekaperter Build 5 ! ANBIETER & APIS stiller Modellwechsel 6 ! AGENTEN-WERKZEUGE manipulierte Tools

Die Route von den Quellen bis zu deiner Anwendung. An jeder der sechs Stationen kann jemand etwas austauschen, ohne dass es am Ende auffällt.

Die Einordnung ist nicht neu erfunden. OWASP führt die Supply Chain als eigenes Risiko für LLM-Anwendungen (LLM03). MITRE ATLAS kennt die Technik AI Supply Chain Compromise mit eigenen Untertechniken für Hardware, Software, Daten, Modelle, Container-Registries und Agenten-Werkzeuge.

Was daran neu ist

Vieles davon kennt man aus der Software-Welt. Vier Dinge sind anders.

1 // Bestandteile, die niemand lesen kann

Quellcode lässt sich reviewen, und ein Diff zeigt jede Änderung. Gewichte sind Millionen bis Milliarden von Zahlen, denen niemand ansieht, was antrainiert wurde. OWASP nennt Modelle binäre Black Boxes, bei denen statische Prüfung wenig Sicherheit liefert, und hält fest, dass es für veröffentlichte Modelle derzeit keine starken Herkunftsnachweise gibt.

Dasselbe gilt für die Daten dahinter. Anthropic zeigte 2025 gemeinsam mit dem UK AI Security Institute und dem Alan Turing Institute, dass 250 vergiftete Dokumente für einen Backdoor reichen, bei Modellen von 600 Millionen bis 13 Milliarden Parametern. Der getestete Backdoor war bewusst simpel. Wer ein System per RAG mit eigenem Wissen füttert, erbt das Problem zur Laufzeit: In der Studie PoisonedRAG genügten fünf eingeschleuste Texte pro Zielfrage in einer Wissensbasis mit Millionen von Texten für eine Erfolgsquote von 90 %.

2 // Bestandteile, die sich ohne Release ändern

Ein Paket ändert sich nur, wenn jemand eine neue Version veröffentlicht. Ein Modell hinter einer API kann sich ändern, ohne dass sich an deinem Aufruf etwas ändert. Forscher aus Stanford und Berkeley verglichen 2023 zwei Stände desselben Dienstes: GPT-4 erkannte im März 84 % der gefragten Primzahlen richtig, im Juni noch 51 %. Ihr Fazit: Das Verhalten „desselben“ Dienstes kann sich in kurzer Zeit deutlich ändern, deshalb braucht es laufende Überwachung.

Es muss nicht einmal das Modell sein. Anthropic legte im September 2025 offen, dass drei Fehler in der Infrastruktur die Antwortqualität von Claude über Wochen zeitweise verschlechtert hatten. In der schlimmsten Stunde waren 16 % der Anfragen an eines der Modelle betroffen (Postmortem). Anthropic betont, die Qualität nie absichtlich zu drosseln. Für dich als Kunde ist der Effekt derselbe: Das Ergebnis ändert sich, dein Code nicht.

Dagegen helfen feste Modellversionen. OpenAI nennt sie Snapshots, bei Anthropic steht jede Modell-ID für einen festen Stand, die Aliase älterer Modelle ausgenommen.

3 // Sprache als Träger

In klassischer Software ist ein Kommentar harmlos. In einem KI-System ist Text eine Steuerung: Prompt-Vorlagen, Regeldateien und Tool-Beschreibungen bestimmen, was das Modell tut, und kaum jemand reviewt sie wie Code. Invariant Labs beschrieb 2025 Tool Poisoning: Anweisungen in der Beschreibung eines MCP-Tools, die der Nutzer nicht sieht, das Modell aber liest. Dazu kommt der „Rug Pull“: Ein Server ändert die Beschreibung, nachdem sie freigegeben wurde. Pillar Security zeigte dasselbe Muster für die Regeldateien von Coding-Assistenten, versteckt mit unsichtbaren Unicode-Zeichen.

Beides waren Forschungsergebnisse. Den ersten Versuch in freier Wildbahn dokumentierte Pillar im August 2026: Ein einzelner Account stellte in 74 Minuten 23 Pull Requests an fremde Projekte, die meisten davon sollten einen präparierten MCP-Server einbinden (Deadbugz). Der Server verhielt sich drei Aufrufe lang unauffällig und lenkte den Agenten dann auf SSH-Keys und Cloud-Zugangsdaten. Zum Zeitpunkt der Analyse war keiner der Pull Requests gemerged, vier standen noch offen.

4 // Bestandteile, die selbst handeln

Ein Paket-Manager installiert, was in der Datei steht. Ein Agent entscheidet selbst, was er installiert und welches Werkzeug er aufruft. Das hat zwei Folgen. Erstens entstehen Abhängigkeiten, die kein Mensch ausgewählt hat: In einer Studie mit 16 LLMs existierten 19,7 % der empfohlenen Pakete nicht. Aikido fand Anfang 2026 einen solchen erfundenen Paketnamen in 237 GitHub-Repositories, verbreitet über kopierte Agenten-Skills, und registrierte ihn vorsorglich selbst.

Zweitens wird der Agent zum Werkzeug des Angreifers. Beim Nx-Vorfall im August 2025 riefen die Angreifer laut Wiz die auf dem Rechner installierten KI-Kommandozeilen-Tools auf, um das Dateisystem auszulesen. Ein Jahr später trug ein npm-Wurm bösartige Hooks in .claude/settings.json und .vscode/tasks.json ein, damit sein Code beim nächsten Start automatisch läuft, und gab seine Commits als die eines Coding-Assistenten aus (Aikido).

Sechs Einfallstore, sechs Belege

Für jeden der sechs Bausteine gibt es mindestens einen dokumentierten Fall.

40 Min.
waren zwei kompromittierte LiteLLM-Versionen auf PyPI online (LiteLLM, März 2026)
250
vergiftete Dokumente reichten für einen Backdoor, bei 600 Millionen bis 13 Milliarden Parametern (Anthropic, 2025)
19,7 %
der von LLMs empfohlenen Pakete existierten nicht (Spracklen et al., USENIX Security 2025)
2.259
von 9.695 geprüften MCP-Servern hatten bestätigte Sicherheitsprobleme (TrendAI Research, 2026)
Baustein Was passiert ist Was es zeigt
1 Daten Juli 2026: Ein präparierter Datensatz führte bei Hugging Face zu Code-Ausführung in der Datensatz-Verarbeitung, mit Zugriff auf interne Datensätze und Zugangsdaten. Daten sind nicht nur Inhalt. Sie können selbst der Angriff sein.
2 Modelle Februar 2024: JFrog findet rund 100 Modelle auf Hugging Face, die beim Laden Code ausführen. Mai 2026: Ein gefälschtes Repository erreicht Platz 1 der Trends (HiddenLayer). Beliebtheit ist kein Prüfsiegel. Mehr dazu im Deep Dive.
3 Pakete Dezember 2022: Das Paket torchtriton auf PyPI trägt den Namen einer Abhängigkeit von PyTorch-nightly und stiehlt SSH-Keys (PyTorch). Das Muster heißt Dependency Confusion// Dependency ConfusionEin öffentliches Paket trägt den Namen eines internen Pakets und wird stattdessen installiert.BeispielIntern gibt es acme-utils 1.2. Ein Angreifer veröffentlicht acme-utils 99.0 auf PyPI, und pip greift zur höheren Version.. Ein einziger Paketname genügt.
4 Infrastruktur März 2026: Angreifer überschreiben 76 von 77 Versions-Tags der GitHub Action des Sicherheitsscanners Trivy (Aqua Security). LiteLLM vermutet in dieser Trivy-Abhängigkeit seiner CI den Ursprung des eigenen Vorfalls wenige Tage später, bestätigt ist das nicht. Auch die Werkzeuge, die schützen sollen, gehören zur Kette.
5 Anbieter und APIs Januar 2025: Wiz findet eine offen erreichbare Datenbank von DeepSeek mit über einer Million Log-Zeilen, darunter Chat-Verläufe und geheime Schlüssel. November 2025: Bei Mixpanel, einem Analyse-Dienstleister von OpenAI, werden Namen, E-Mail-Adressen und Organisations-IDs von API-Nutzern abgezogen. Chats und Schlüssel waren nicht betroffen. Hinter jedem Anbieter steht eine eigene Lieferkette, die du nicht siehst.
6 Agenten-Werkzeuge September 2025: Ein npm-Paket gibt sich als MCP-Server von Postmark aus und schickt ab Version 1.0.16 E-Mails per BCC an einen fremden Server (Postmark). Februar 2026: 13,4 % von 3.984 geprüften Agenten-Skills haben ein kritisches Sicherheitsproblem (Snyk). Ein Werkzeug für den Agenten ist eine Abhängigkeit mit Handlungsvollmacht.

Was du zuerst tun solltest

Niemand sichert sechs Bausteine an einem Tag. Fünf Schritte bringen am meisten, in dieser Reihenfolge.

Baustein Erste Maßnahme Werkzeuge
Daten Herkunft festhalten, Datensätze auf eine Revision pinnen, Quellen für die Laufzeit-Suche beschränken. Datensatz-Revisionen, Review
Modelle Nur Safetensors zulassen, vor dem Laden scannen, per Commit-Hash laden. ModelAudit, Fickling, ModelScan
Pakete Ein einziger Paket-Index, Installation nur mit Hashes, jede neue Abhängigkeit reviewen, auch die vom Assistenten vorgeschlagene. pip --require-hashes, uv, pip-audit
Infrastruktur Tokens mit minimalen Rechten, Actions und Images auf einen Commit pinnen statt auf ein Tag, Zugangsdaten vollständig rotieren. zizmor, Syft, Grype
Anbieter und APIs Feste Modellversion verwenden, Modell-ID mitloggen, Testfälle als Regressionstest, Schlüssel pro Dienst trennen. promptfoo, garak
Agenten-Werkzeuge MCP-Server und Skills wie Abhängigkeiten behandeln: Quelltext lesen, Version pinnen, Rechte begrenzen. Prompts ins eigene Repository. Git, Lockfiles, Review

Zwei Fallen bei den Paketen

pip-audit findet bekannte Schwachstellen, keine bösartigen Pakete. Die Doku sagt das ausdrücklich. Und --extra-index-url ist laut pip-Doku für private Pakete unsicher, weil pip die beste Version über alle Indizes hinweg wählt. uv bleibt standardmäßig beim ersten Index stehen, der das Paket kennt.

Was die Regulierung dazu sagt

Drei Regelwerke berühren die AI Supply Chain. Keines deckt sie ganz ab.

Die kurze Fassung


Quellen:

OWASP LLM03:2025 Supply Chain OWASP Agentic Top 10: ASI04 MITRE ATLAS AML.T0010 LiteLLM: Security Update Aqua: Trivy attack PyTorch: torchtriton Hugging Face: Incident July 2026 JFrog: Malicious HF models Anthropic: 250 documents PoisonedRAG Chen, Zaharia, Zou 2023 Anthropic: Postmortem Wiz: DeepSeek database OpenAI: Mixpanel incident Invariant Labs: Tool Poisoning Pillar: Rules File Backdoor Pillar: Deadbugz Spracklen et al. 2025 Aikido: hallucinated npx Wiz: s1ngularity Aikido: keyv worm Postmark: malicious MCP package Snyk: ToxicSkills TrendAI: MCP ecosystem BSI / G7: SBOM for AI NIST SP 800-218A

Du willst wissen, welche der sechs Einfallstore bei euch offen stehen? Lass uns sprechen. In 30 Minuten gehen wir unverbindlich eure Lieferkette Baustein für Baustein durch.

NW
Nils WeiserAI Agent Specialist · Bodenseeraum
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